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Südbollenhagen. Viele Bewohner der Wesermarsch halten die A22 für ein „Schreckgespenst“, was stetig weiter in der Region spukt. Das wurde am Montag bei der abendlichen Diskussionsrunde mit Grünen-Politiker Winfried Hermann, Vorsitzender des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, im Gasthof Jabben, Südbollenhagen deutlich. Die Anwohner entpuppten sich dabei als wohl informierte Spezialisten, die sich mittlerweile ein umfangreiches Wissen über die Küstenautobahn angeeignet haben und teils besser bescheid wussten, als der Gast aus Berlin. Doch auch viele Vorurteile sollten an diesem Termin zu Tage kommen. Zunächst hielt Winfried Hermann aber ein Plädoyer für alternative Energiekonzepte im Straßenverkehr und bezog sich dabei auf das Beispiel A22.
„Es gibt ein paar unbequeme Wahrheiten, die gegen eine weitere Autobahn sprechen“, zählt der Vorsitzende des Verkehrsausschusses auf. Wir befänden uns mitten im Klimawandel und gerade die Wesermarsch sei aufgrund ihrer Lage durch das Ansteigen des Meeresspiegels sehr gefährdet. Die CO2-Reduktion müsse als wichtiges Ziel verfolgt werden, um die Erderwärmung in einem gewissen Rahmen zu halten. „Bei zwei Grad muss Schluss sein“, mahnt Winfried Hermann, der fordert, dass in 40 Jahren alle Energie umweltfreundlich produziert werden muss.
Die zweite unbequeme Wahrheit sei der demografische Wandel. „Brauchen wir eine große Autobahn, wenn in 20 Jahren die Einwohnerzahl drastisch gesunken ist und alle im Durchschnitt viel älter sind und sowieso nicht mehr viel Auto fahren“, fragt Winfried Hermann kritisch nach und zieht das Fazit, dass das heutige Mobilitätssystem nicht mehr zeitgemäß wäre. Gründe gebe es genug: hohe menschliche Verluste im Straßenverkehr, riesige Investitionssummen, Verschandelung der Landschaft durch Baumaßnahmen etc.
Nachhaltige Entwicklung
Es sei ein Mythos, ein Verkehrsproblem mit dem Bau einer Straße zu lösen. „Bau eine Straße und Du wirst Verkehr ernten“, philosophiert der Grünen-Politiker und fordert zum Umdenken in der Bevölkerung. Eine nachhaltige Entwicklung sei deswegen schon zwingend, um weitere Generationen nicht vor einem unlösbaren Problem zu stellen. Derzeit werden 80 Prozent aller Personenkilometer mit dem Auto zurückgelegt. Rund 70 Prozent aller Gütertransporte laufen über LKWs. Der Anteil des umweltfreundlicheren Binnenschiffsverkehrs ist dabei von 11 auf 9 Prozent gesunken und nur 16 bis 17 Prozent der Güter werden über die Schiene befördert. „In Süddeutschland ist die rechte Autobahnspur ausschließlich mit LKWs gefüllt“, berichtet der Baden-Württemberger und geht sogar noch einen Schritt weiter. Es gebe nach seiner Meinung keine wirtschaftlichen Impulse durch eine Verbesserung der Infrastruktur.
Umbenennung auf A20
Im Vorfeld ist Winfried Hermann mit Helge Thölen, Kreisvorstandssprecher der Grünen/Bündnis 90 in der Wesermarsch, durch die betroffene Region gefahren. „So eine Landschaft wie hier gibt es in ganz Deutschland nicht mehr“, zeigt sich Winfried Hermann begeistert und motiviert, den Küstenautobahnplänen weiterhin die Stirn zu bieten. In einer nachfolgenden Diskussionsrunde tat sich bei den Anwohnern ein Feindbild in Form von Enak Verlemann (CDU/CSU), Mitglied des Bundestags und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, auf. Die Angst, dass jener die A22 durch Tricks und Kniffe realisieren könnte, ist bei den Betroffenen groß. Es stellte sich im Laufe der Debatte heraus, dass die A22 im Bundesverkehrswegeplan nicht als vordringlich tituliert wird. Dennoch hätte der Staatssekretär die Möglichkeit, in Eigenregie dieses zu ändern. Winfried Hermann aber relativierte: „Ich kenne ihn gut und das würde er niemals wagen“, beruhigte er die rund 30 Gäste im Gasthof. Zudem gebe es Gerüchte über eine Umbenennung der A22 in A20. Damit solle angeblich die Bedeutung für den europäischen Straßenverkehr angehoben und EU-Fördergelder abgegriffen werden. Winfried Hermann konnte aber ein Schreiben der Bundesregierung vor einem halben Jahr vorlegen, in der eine derartige Vorgehensweise nicht bestätigt wird. Dennoch mahnten die Anwohner an, dass in der Bekanntmachung zum Freitag, 25. Juni zur Überreichung der Linienbestimmung durch Enak Verlemann an den niedersächsischen Wirtschaftsminister Jörg Bode im Haus der IHK in Stade die Küstenautobahn als A20 tituliert wird. „Das beweist, wie sehr man der Bundesregierung vertrauen kann“, zeigt sich Winfried Hermann empört, der hin und wieder in seinen Reden die Chance zum Wahlkampf nutzte.
Zum Ende bringt es Winfried Hermann auf den Punkt: „Die Regierung hat sowieso kein Geld, um diese Autobahn bauen zu können.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Anwohner, die nach einem umfangreichen Vortrag über alternative Mobilitätsenergien wieder in ihre teils schicken Mittelklassewagen einstiegen.
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